Science Slam, Kiel, 31. 10. 2014

Nach dem Poetry Slam ist jetzt die nächste Welle der Science Slam.
Nachwuchs-Wissenschaftler und Studenten stellen ihren Forschungs-Ansatz
in 10 Minuten vor.
Und es gibt auch Preise.
Relativ spät melde ich mich in Kiel an. Und bekomme auch einen Startplatz.
Es soll Freitag abends um 19.00 Uhr in der Pumpe in Kiel stattfinden.
Die Veranstalterin mailt mir, daß mit mir insgesamt 6 Leute slammen werden.
Ich bereite mich vor, und mache zu jedem Gedanken eine Internet-Seite,
die ich dann später via Beamer an die Wand projezieren möchte.
So haben die Leute auch was zu sehen.
Aber die Tatsache, daß unsere Aufmerksamkeit in Zukunft die Forschung bestimmt,
müßte die Leute doch vom Hocker reißen, oder ?
Das ist die Essenz meiner Future of Science, für die  ich von 1997 bis 2009 jeweils einmal im Jahr eine Forschungs-Konferenz in Deutschland durchgeführt habe.
Was ich nicht gedacht hätte. Nicht der Inhalt, die Form beschäftigt mich die nächsten Tage doch mehr, als ich wollte.
10 Minuten sind verdammt knapp. Also, was kann man kürzen ?
Und wie komme ich von den Beispielen, wo Wissenschaftler im Traum bahnbrechende Entdeckungen gemacht haben, zu meinem Fall, wo ich mit geschlossenen Augen dieselben Ergebnisse, jetzt aber systematisch und im wachen Zustand,
produzieren kann ?
Das ist gar nicht so einfach.
Am Mittwoch mittag ruft mich Stefan an, und sagt mir, er wird nach Kiel kommen
und mir assestieren. Zuerst denke ich, das ist nicht nötig, aber doch sehr großzügig.
Später muß ich erkennen, daß er mir buchstäblich den Hintern rettet.
In mehrerer Hinsicht.
Ohne Stefan wäre ich wohl gar nicht an den Start gegangen.
Am Freitag bin ich schon nachmittags in Kiel und lese noch die neuesten Fach-Magazine
(brandeins !) im Institut für Weltwirtschaft. Schaue mir im Internet einige Berichte über bisherige Slams an, und ja, ein Teilnehmer im Fruchtfliege-Kostüm hat den letzten gewonnen.
Da geht es dann in erster Linie wohl um Spaß und easyness.
Ich habe alle meine Internet-Seiten auf meiner Festplatte, und mache mich rechtzeitig auf den Weg.
Aber ach, die entscheidende Verbindungsstr. ist in Kiel gesperrt ! Davon haben mir die Veranstalter nichts erzählt.
Und der Technik-Check ist jetzt schon eine halbe Stunde am Gange, ohne mich.
Hätte ich an der Stelle nicht die Zusage, daß Stefan früh genug vor Ort ist, wäre ich hier, alleine,  wohl ausgestiegen.
Ich hatte die Idee, meinen Vortrag aufzuzeichnen, sodaß ich den hinterher anderen Leuten zur Verfügung stellen kann.
FoS ist doch wichtig, oder ?
Als ich endlich in der Pumpe ankomme, warten Leute schon vor dem Eingang. Ich dachte, mehr als 10 Leute werden sich doch trockene Vorträge nicht anhören. Weit gefehlt. ScienceSlam ist der neueste Hype.
Und Stefan ist schon da. Völlig ruhig und relaxt. Im Institut habe ich noch die Reihenfolge der Seiten mit Namen ausgedruckt. Damit haben wir einen Fahrplan, und können das noch besprechen. Wann kommt welche Seite und Grafik auf die Leinwand.
Stefan nimmt die Festplatte und macht den Technik-Check für mich. Derweil fallen mir Witze ein, die Athmosphäre beflügelt mich. Da ich erst seit relativ kurzer Zeit Wissenschaftler bin, kann man mich getrost ein wissenschaftliches Wunderkind nennen.

Und noch einer. Ich komme mit meiner Festplatte, und bitte Stefan:
Kannst Du mir das an die Wand werfen ? Und er macht eine Bewegung, wie er die Festplatte loswerfen will.
Das machen wir später auch so.
Aber Stefan sagt mir auch, daß er den Ordner von der Festplatte auf das notebook kopiert habe, aber er kapiert die software nicht.
Wenn man einen Ordner verschiebt, sind die Zuordnungen der Bilder nicht mitkopiert. Und werden dann auch nicht gezeigt. So werden alle meine Grafiken ohne Hintergrund erscheinen, und die oftmals weiße Schrift ist dann nicht zu sehen.
Die Reihenfolge der Sprecher wird ausgelost. Wir sind uns einig, daß der letzte Platz 6 der beste ist, um das Publikum zu gewinnen.

Ich sage Stefan, mit etwas innerer Wunschkraft müßten wir das hinbekommen.
Als der Moderator mir seinen Hut mit den Losen anbietet, denke ich, daß mein Assistent das machen soll. Und ja, Stefan zieht Los Nr. 6 !
Was steht dem Erobern der Welt jetzt noch im Wege ?

Ach ja, wie nehme ich den Vortrag auf ?
"Habe ich schon alles geregelt", sagt Stefan.

Der Offene Kanal ist da, zeichnet alles professionell auf,
und zeigt es später im TV.
Danach kann man es im Internet weiterhin ansehen und runterladen.

Perfekter kann man keinen Vortrag aufnehmen.
Hier der gesamte Science Slam, Herr Dao ab 35:10 min.

Jetzt geht es los. Ulf, der Moderator begrüßt das Publikum. Es sind über 170 Leute da, und ein Großteil muß hinten stehen. Ich bin perplex.
Science Slam ist der Hammer.
Und die Leute sind super drauf. Lachen und klatschen gerne. Ganz easy.
Und noch ein Problem. Meine Hose rutscht ! Ich habe einen Gürtel mit Schnappverschluß, aber der geht in letzter Zeit immer von selber auf. Auf der Bühne würde das zwar das Thema Aufmerksamkeit beweisen, 
mir aber ziemlich peinlich sein.
Stefan zieht mir im Dunkeln heimlich seine Hosenträger an.
"Hält das auch ?" "Garantiert !"
Dafür bekommt er meinen Gürtel, und zu Beginn sieht man das auch bei ihm ...
Und je mehr der Abend fortschreitet, desdo klarer wird mir,
daß die anderen Sprecher keine Konkurrenz für uns sind.

Sie erzählen von ihrem Fachgebiet, die Leute klatschen artig,  
aber es sind keine Knüller dabei.
Als vorletzte und einzige Frau kommt Tina auf die Bühne. Leiht sich den Hut vom Moderator, der dafür anzügliche Bemerkungen machen darf.
"Du darfst den Hut aufbehalten !"
Und ihr Thema ist Porno bei Würmern.
Sie zeigt, daß Würmer bis zu 170 Mal Sex haben können. Die Leute grölen.
Es ist klar, das werden wir nicht schlagen können.
Dazu ist mein Thema zu dröge.
(Aber gerade Tina und zwei andere Teilnehmer ziehen später ihre Zusage für die
TV-Veröffentlichung zurück. Sie fürchten Verlust ihrer wissenschaftlichen Reputation.
Da bleibt für mich die Frage, ob ihre Darstellung an diesen Abend
denn so auch korrekt war ?)
Aber wir haben ja noch unsere Witze.
Als ich angekündigt werde, geht erstmal Stefan auf die Bühne, und nennt sich meinen Assistenten.
Die Hose ...
Dann übt er mit dem Publikum ein, an bestimmten Stellen im Vortrag "aha !" und "wow !" zu sagen. Das machen die Leute auch artig und gerne mit.
Dann komme ich und wir machen den Witz mit der Festplatte.
Die ersten Seiten kommen an die Wand, aber ach, zum Teil ist nicht viel zu sehen.
Und Stefan muß immer mit der Maus hin- und her flitzen.

Wenn eine Seite an der Wand ist, muß er sie wieder wegnehmen,
im Ordner schauen,
welche Seite als nächstes kommen soll,  und die dann anklicken. 
Wie hätte ich das nur alleine, mit rutschender Hose, gemacht ?
Inhaltlich geht das alles gut, die Punkte mit den träumenden Wissenschaftlern machen Eindruck, aber die bildliche Darstellung ist leider nicht sehr gut, da verliere ich das Publikum.

Zum Schluß, als ich auf die Geheim-Agenten zu sprechen komme, setze ich vorher meine verspiegelte Sonnenbrille auf. Das gefällt den Leuten auch.
Aber in der Abstimmung lande ich auf dem letzten Platz.
Zuerst bin ich etwas erstaunt darüber. Aber in der Manöver-Kritik mit Stefan hinterher wird mir auch klar, daß eine saubere PowerPoint-Darstellung das Thema wesentlich besser präsentiert hätte.
Da waren alle anderen Kandidaten bei weitem besser.
Hinterher bin ich dennoch positiv aufgeladen und voller Freude.
Einmal hat meine Hose tatsächlich gehalten ! puhhh ...

Und sich zu präsentieren ist einfach gut.
Man hat hinterher alle möglichen Ideen, wie man es das nächste Mal
noch besser machen kann.

Was mich besonders beeindruckt. Das Spiel mit dem Publikum.
Da sind noch wesentlich mehr Feinheiten und Varianten möglich.
Die Leute reagieren auf jede Kleinigkeit und sind dankbar für Witz und Eleganz.
Das möchte ich mehr probieren.